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Zuletzt aktualisiert am Freitag, 02. März 2012 18:32
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Veröffentlicht am Dienstag, 31. Januar 2012 14:47
Das schwedische Gesundheitssystem ist staatlich
Für viele Einwanderer aus Deutschland ist der erste Kontakt mit dem schwedischen Gesundheitsystem oft ein Schock, da sich der Patient nicht einfach mal so einen Arzt anrufen kann, um sich mal gründlich untersuchen zu lassen, wenn er sich nicht ganz wohl fühlt. Kein Thema wird unter deutschen Einwanderern kontroverser diskutiert als das schwedische Gesundheitssystem.
Wie schön ist das doch in Deutschland, wenn eine Unpässlichkeit plagt. Man ruft einfach seinen Hausarzt an und bekommt ohne Nachfragen einen Termin. Oder man geht gleich in das Wartezimmer der Sprechstunde, wo sich die Pensionäre regelmäßig auf einen Plausch mit alten Bekannten freuen. Die 10 Euro Praxisgebühr pro Quartal wurde früher von einigen als Unverschämtheit empfunden. Heute ist der Gewöhnungseffekt eingetreten. Mich wundert jedenfalls nicht, dass Deutschland mit 18 Arztbesuchen pro Jahr und Patient einen Spitzenplatz einnimmt, während Schweden bei drei bis vier Arztbesuchen liegt. Wie kommt das? Sind die Schweden gesünder? Tatsächlich liegt die Lebenserwartung in Schweden ein paar Jahre über der in Deutschland. Aber das ist nicht die Ursache für die sparsamen Arztbesuche.

Vorderseite der European Health Insurance Card, welche von der schwedischen Versicherungskasse ausgestellt wurde. Mit dieser Karte werden Kosten für eine unbedingt medizinische Versorgung in allen EU/ESS-Staaten und der Schweiz übernommen. Dadurch zahlt der Patient nicht mehr als er in Schweden hätte bezahlen müssen. Wer diese Karte nicht hat, muss sich die Kosten naträglich von der schwedischen Krankenversicherung bezahlen lassen und das Geld auslegen. Die Karte kann online unter http://www.forsakringskassan.se/privatpers/utomlands kostenlos bestellt werden. Nach ein paar Tagen ist sie im Briefkasten und hat ein paar Jahre Gültigkeit.

Rückseite der European Health Insurance Card.
Die staatliche Versicherung ist im Prinzip kostenlos: Um seine Krankenversicherung muss man sich übrigens nicht kümmern, denn alle in Schweden dauerhaft Wohnhaften (mindestens ein Jahr, ausgenommen ausländische Studenten und Renter), die im Volksbuch mit einer Personnummer geführt sind, sind automatisch im staatlichen Gesundheitswesen krankenversichert. Das kostet übrigens keine einzige Öre, falls man kein Einkommen bezieht. Ein Einkommensbezieher braucht sich auch nicht um die Krankenversicherungsbeiträge zu kümmern. Diese werden automatisch im Zuge der Einkommensteuererklärung abgezogen, welche der Steuerzahler im günstigsten Fall per SMS bestätigt. So einfach ist das. Für Selbständige ist staatliche Krankenversicherung ebenfalls kostenlos, falls sie kein Einkommen beziehen.
Private Zusatzversicherung: Es gibt übrigens private Zusatzversicherungen, die kaum in Anspruch genommen werden. Meistens werden diese von den Firmen für ihre Angestellten angeboten. Diese Zusatzversicherungen versprechen eine kürzere Wartezeit auf einen Facharzt. Allerdings ist auch dafür eine Rücksprache mit der Zusatzversicherung notwendig. Das System funktioniert nur in den Großstädten, in denen es vielleicht privat niedergelassene Ärzte gibt, die zudem Zeit haben müssen, was eher unüblich ist. Ein Mehrklassen-System widersprich selbst der Einstellung der meisten bürgerlich-konservativ eingestellten Schweden.
Einwanderer sind ebenfalls krankenversichert: Bei der Einwanderung geschieht die Anmeldung bei der staatlichen Krankenkasse automatisch oder eine kurze Mitteilung an die Krankenkasse reicht. Herrlich, wenn einem die Auswahl der richtigen Krankenkasse wie im deutschen Verwirrspiel der Tarife erspart bleibt. Alles erscheint einem so erfrischend unkompliziert und unbürokratisch im modernen Schweden. Da überkommt dem frischgebackenen Neuschweden ein ungewohntes Gefühl der Geborgenheit, wenn er stolz sein Personnummer auswendig lernt und seine Patientenkarte (patientkort) per Post zugeschickt bekommt.
Den Arzt anrufen: Und wie sieht es nun im wirklichen Alltag aus, wenn einem der Schnupfen plagt und der Arzt soll einem helfen? Dann rufe einfach das Krankenhaus an. Die Nummer steht in der Broschüre, die jedem neu Zugezognen zugeschickt wird. Aber diese Nummern ändern sich oft, denn Schweden ist ja reformfreudig und da ändert sich immer alles sehr schnell. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass sich eine automatische Ansage meldet, die auf eine andere Nummer verweist. Alles wird natürlich auf Schwedisch angesagt. Spätenstens dann wird auch dem borniertesten Einwanderer klar: “Lerne Schwedisch oder stirb!”.
Auf der neuen Nummer meldet sich natürlich wieder eine automatische Ansage mit sehr erfrischend freundlicher Stimme, die mich auffordert meine eigene Nummer mit Vorwahl einzutippen. Dann erzählt mir die Automatenstimme, dass ich in etwa 10 Minuten zurückgerufen werde. Tatsächlich bekomme ich nach 10 Minuten einen Anruf vom Krankenhaus. Die Schweden sind im Vergleich zu den Deutschen, die ja auch den Ruf der Pünklichkeit genießen, von Zeitplanung und Zeiteinteilung fast schon besessen. Inzwischen gibt es ein Webseite, auf der die eigene Telefonnummer eingetippt werden kann. Es erscheint darauf ein Hinweis, wann mit dem Rückruf zu rechnen ist.
Am anderen Ende der Leitung befindet sich eine examinierte Krankenschwester mit Hochschulabschluss. Anders als in Deutschland sind diese auch im begrenzten Umfang zu Diagnosen befugt. So schnell kommt man also an einen Arzt nicht heran. Es sind noch einige Hürden zu überwinden, und wegen eines harmlosen Schnupfens oder einer normalen Erkältung gibt es keinen Arzttermin. Also muss man das Krankheitsbild der Krankenschwester genauer erklären und die riesigen Eitermengen beschreiben, die seit Wochen aus der Nase quellen. Auch hier erweist sich ein souveräner Umgang mit der schwedischen Sprache als vorteilhaft. Wenn die Krankenschwester des unklaren Befunds wegen meint, dass dies nach einer Neben- oder Stirnhöhlenentzündung aussieht, wird sie vielleicht ankündigen einen Arzt zu fragen, der meist um die Mittagszeit zu erreichen ist. Danach erfolgt dann tatsächlich der Rückruf der Krankenschwester. Mit etwas Glück bekommt man dann für den nächsten Tag einen Arzttermin. Je nach Fall und Verdacht kann der Leidende aber erst zur Blutprobe geschickt werden.
Die Ärzte sind im Krankenhaus untergebracht. Meins liegt 10 km entfernt. Wer in Nordschweden wohnt, muss dafür nicht selten mehr als 100 km anreisen. Das ist eben der Preis der Einsamkeit und der spottbilligen Häuser auf riesengroßen Grundstücken. Im Krankenhaus angekommen, führt der Weg zuerst zur Anmeldung. Nach Vorlage seiner Identifikationskarte wird man zur Kasse gebeten, denn jeder Arztbesuch kostet umgerechnet 15 bis 35 Euro. Dies ist wieder von Län zu Län und Jahr zu Jahr verschieden. Erst nach der Zahlung erfährt der Patient sein zuständiges Wartezimmer.
Dank der schwedischen Pünktlichkeit holt der Arzt seinen Patienten meistens auf die Minute genau im Wartezimmer ab. Länger als 10 Minuten habe ich noch nie warten müssen. In Deutschland verstreicht ein Arzttermin durchnittlich nach 8 Minuten. In Schweden nimmt sich der Arzt aber etwa 15 Minuten Zeit. Es ist also geschafft mit dem Arzttermin.
Das papierlose Rezept: Ein Rezept auf Papier gibt es übrigens nicht. Die Rezepte werden elektronisch gespeichert und in jeder Apotheke Schwedens können die Medikamente nach Vorlage seiner Identifikations-Karte (eine Art Personalausweis, ID-kort) gegen Bezahlung abgeholt werden. Falls man die Medikamente verbilligt bekommt, wird der "Rabatt" automatisch abgezogen. Es spielt keine Rolle, ob die rezeptpflichtigen Medikamente auf einer staatlichen oder privaten Apotheke abgeholt werden.
Der Arzt ruft an oder schreibt einen Brief: In der weiteren Behandlung wird der Arzt oft selten von Angesicht zu Angesicht in Erscheinung treten. Per Brief fordert der Arzt einem zur Blutprobe oder zur Blutdruckmessung durch eine Krankenschwester auf. Zur weiteren Vorgehensweise ruft der Arzt einen an, was wieder per Brief angekündigt wird. Mein Arzt beklagte sich einmal, dass ich kein Handy hätte. Damit wäre doch alles viel einfacher, wenn ich jederzeit erreichbar wäre.
Karenztage im Krankheitsfall: Es gibt vielleicht noch einen Grund, warum der Schwede so selten zum Arzt geht. Wer sich vom Arzt krankschreiben lassen möchte, muss dies in Schweden erst nach einer Woche Fernbleiben von der Arbeit vornehmen lassen. In Deutschland ist dies bekanntlich nach drei Tagen zwingend notwendig. Andernfalls droht eine arbeitsrechtliche Abmahnung. Zu solchen Mitteln greift der auf ein gutes Betriebsklima Wert legende schwedische Arbeitgeber nicht. Dafür ist in Schweden der erste Krankheitstag unbezahlt und für die weiteren Tage gibt es nur 80% Lohnfortzahlung. In Deutschland würde man dies empört mit einer Teilkasko-Autoversicherung vergleichen. Die Schweden hingegen wundern sich nur, wenn es in anderen Ländern nicht so ist wie bei ihnen.
Hilf der erst einmal selbst: Abgesehen davon ist die schwedische Mentalität mehr auf Selbsthilfe ausgelegt, denn in der Einsamkeit und Ruhe der Natur blieb einem nichts anderes übrig, als erst einmal zum Schmerzmittel zu greifen. Das schwedische Allheilmittel lautet Alvedon, dessen Wirkstoff Paracetamol lautet. Erst wenn das nicht hilft, versucht man einen Arzttermin zu erlangen. Am Wochenende kann das ganz schön schwierig werden, denn da bleibt einem nur die Notaufnahme (akuten) übrig. Für einen gebrochenen Finger darf man sich dann auf Wartezeiten von 5 bis 7 Stunden einstellen.
Bleibt die Frage offen, ob die Schweden deshalb länger leben, weil sie weniger als die Deutschen zum Arzt gehen. Daran liegt es sicherlich nicht sondern eher an dem vergleichsweise geringen Tabak- und Alkoholkonsum der Schweden. In Deutschland kann ein Arztbesuch tatsächlich schon krank machen, denn der Gefahr sich im schwedischen Wartezimmer einen Schnupfen oder Husten zu holen, begegnet einem in Schweden eher selten. Bekanntlich verschwindet ein Schnupfen nach einer Woche Behandlung oder unbehandelt nach 7 Tagen. Das wissen schwedische und deutsche Ärzte, aber offenbar erst deutsche Patienten, wenn sie für jeden Arztgang zur Kasse gebeten werden würden.
So sieht die Vorderseite einer högkostnadskort aus. Auf ihr werden alle kostenpflichtigen Termine gesammelt. Hat der Patient etwa 1000 Kronen gesammelt (der Betrag ändert sich von Jahr zu Jahr), kann er für den Rest des Jahres eine frikort in Anspruch nehmen, wodurch keine weiteren Kosten entstehen. Wann das berechnete Jahr beginnt, darf der Patient selbst bestimmen.
Zusammenfassung: Als dauerhaft wohnhaft in Schweden gilt eine Person, welche im schwedischen Volksbuch geführt und damit eine personnummer besitzt. Zudem muss diese Person für mindesten ein Jahr vorhaben in Schweden zu leben. Dann ist diese Person automatisch krankversichert oder hat Anspruch auf die staatliche Krankenversicherung. Es ist im Einzahl bei der försäkringskassa nachzufragen, ob man Anspruch auf eine Krankenversicherung hat und ob man schon registriert ist. Ausgenommen von der staatlichen Krankenversicherung sind ausländische Studenten und Rentner, welche eine eigene Krankenversicherung nachweisen müssen.
Keine Familienversicherung: Es gibt keine Familienmitversicherung wie in Deutschland. Wer im staatlichen System krankenversichert ist und kein Einkommen besitzt, ist trotzdem versichert. Es gibt einen Eigenanteil für jeden Arztbesuch oder anderen Dienstleistungen wie zum Beispiel das Messen des Blutdrucks oder eine Blutuntersuchung. Diese liegt je nach Leistung und Län (Verwaltungsbezirk) zwischen etwa umgerechnet 10 und 35 Euro. Die Obergrenze innerhalb eines Jahres liegt bei etwa 110 Euro. Ist dieser Betrag überschritten, sind alle Leistungen für den Rest des Jahres frei. Eine ähnliche Regelung in ähnlicher höhe existiert für Medikamente. Wer krank ist, bekommmt als Angestellter für den ersten Tag keine Lohnfortzahlung. Bei Selbständigen beträgt diese Karenzzeit eine oder zwei Wochen oder noch länger, wenn man weniger Krankenversicherung bezahlen möchte. Dann bekommen Angestellte oder Selbständie etwa 80% ihres Einkommens. Dies allerdings nur bis zu einem Jahr. Ob einem die Lohnfortzahlung zusteht, bestimmt nicht das ärztliche Attest alleine, sondern letztendlich die Auslegung der staatlichen Krankenversicherung (försäkringskassa), wobei Einzelschicksale immer wieder in Medien diskutiert werden, wenn zum Beispiel Patienten nach einer anstrengenden Krebsbehandlung gezwungen werden halbtags zu arbeiten.
Am Wochenende krank: Man sollte nicht gerade am Wochenende krank werden, denn dann muss man in die Notaufnahme. Je nach Dringlichkeit kann die Wartezeit bis zu 10 Stunden oder länger dauern, wenn man zum Beispiel "nur" einen gebrochenen Finger hat.
Andererseits bekam jemand wegen eines Verdachts auf einer Gürtelrose an Heilig Abend sofort einen Arzttermin. Die Wartezeit betrug gerade mal 5 Minuten. Bei einer Gürtelrose kommt es auf eine möglichst frühzeitige Diagnose und schnelle Behandlung mit Medikamenten an. Jede Minute zählt dann.
Es gibt Gegenden mit sehr guter medizinischer Versorgung. In Nachbarregionen kann es wieder ganz anders aussehen. Insbesondere ist Nordschweden medizinisch eher unterversorgt.
Operationen im Ausland verkürzen die Wartezeit: Auf bestimmte Operationen wie Bandscheibenoperation oder an den Gelenken der Gliedmaßen herrschen sehr lange Wartezeiten von zum Teile mehreren Jahren. Wer nicht so lange warten will, kann mit der försäkringskassa verhandeln, ob die Kosten für eine Operation im Ausland übernommen werden.
Kaum Wartezeiten im Wartezimmer: Hat man mal einen Termin erhalten, z.B. in 14 Tagen um 14:30, dann kann der Patient fast danach die Uhr stellen, dass er zum vereinbarten Termin an die Reihe kommt. Wartezeiten im Wartezimmer gibt es praktisch keine.